Nachlese zum Vortrag von PD Dr. Christian Dietrich "Sicherheitsauftrag: Völkerfreundschaft"
Staatssicherheit, Volkspolizei und Arbeitsmigration in der DDR
Wie ging der DDR-Machtapparat im Alltag mit ausländischen Studierenden und Vertragsarbeitern um? Entsprach das behördliche Handeln der offiziell propagierten „Völkerfreundschaft“ oder war es von systematischer Diskriminierung geprägt? Am Mittwoch, den 3. Juni 2026, gab der Historiker PD Dr. Christian Dietrich im Vortragsraum des Landesarchivs in Magdeburg tiefe Einblicke in ein bisher kaum erforschtes Kapitel der regionalen Zeitgeschichte.
In seinem Vortrag präsentierte Dietrich die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit, die sich erstmals systematisch mit dem behördlichen und gesellschaftlichen Umgang mit ausländischen Vertragsarbeitern, Studierenden und Auszubildenden in den ehemaligen Bezirken Halle und Magdeburg beschäftigt. Basis hierfür war unter anderem eine ausführliche Archivrecherche in Magdeburg und Merseburg, bei der insbesondere Kriminalfälle mit vermeintlich rassistischen Motiven untersucht und historische Gerüchte mit den tatsächlichen Stasi- und Ermittlungsakten abgeglichen wurden. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild, das landläufigen Erwartungen teilweise deutlich widerspricht.
Zwischen Mythos und Aktenlage: Kein systematisches Vertuschungsprogramm
In der Öffentlichkeit und der Presse kursieren bis heute zahlreiche Gerüchte über Kriminalfälle aus der DDR-Zeit. Häufig steht der Verdacht im Raum, die Staatssicherheit habe rassistische Mordmotive gezielt verschleiert und Ermittlungen willkürlich einstellen lassen. Dietrichs Analyse der Quellen zeigt jedoch ein anderes Bild. Ein systematisch diskriminierendes oder gezielt vertuschendes Vorgehen der Volkspolizei oder des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) lässt sich aus den Akten nicht nachweisen. Vielmehr war das offizielle Ziel der DDR-Sicherheitsorgane die „Absicherung“ der Anwesenheit von Nicht-DDR-Bürgern, deren Aufenthalte wie im Fall von Studierenden und Vertragsarbeitern grundsätzlich temporär angelegt waren. Eine dauerhafte Übersiedlung war nicht vorgesehen, weshalb eine gesellschaftliche Integration nicht im Fokus stand.
Eindrücklich zeichnete Dietrich die klare Arbeitsteilung zwischen den Sicherheitsbehörden nach: Während die Volkspolizei die aktive Ermittlungsarbeit übernahm, beschränkte sich die Stasi oft auf das Beobachten und Dokumentieren. Zur Prävention von deviantem Verhalten bei Vertragsarbeitern setzte die Volkspolizei nicht nur auf Sanktionen, sondern versuchte, einen geregelten Feierabend zu organisieren – etwa durch Freizeit- und Sportangebote oder vereinfachte Führerscheinprüfungen.
Fallbeispiel Merseburg
Wie stark Gerüchte und Aktenlage im Widerspruch zueinander stehen können, demonstrierte der Referent an einem brisanten Fall aus den Leuna-Werken: Als zwei tote kubanische Vertragsarbeiter aus der Saale geborgen wurden, schalteten sich sowohl Volkspolizei als auch Stasi intensiv ein – der Fall war politisch hochgradig sensibel, da das Migrationsabkommen mit Kuba keinesfalls gefährdet werden sollte. In der Bevölkerung hielt sich hartnäckig das Gerücht, das MfS habe das Verfahren beendet, um einen rassistischen Mord zu vertuschen. Die archivalische Rekonstruktion der Polizeiberichte offenbart jedoch ein anderes Szenario. Dem tragischen Ertrinken waren zwar zwei Schlägereien zwischen Kubanern und DDR-Bürgern in einer Merseburger Gaststätte vorausgegangen, die Ermittlungsbehörden stuften den Tod jedoch auf Grundlage forensischer Untersuchungen und zahlreicher Verhöre als Unfall ohne Fremdeinwirkung ein. Dietrich gab zu bedenken, dass Polizeiberichte zwar nicht automatisch die absolute Wahrheit abbilden, sie jedoch präzise rekonstruieren lassen, wie Ermittler vorgingen und welche Schlüsse sie aus Verhören und Beweisen zogen.
Die Entwicklung des Alltagsrassismus
Obwohl Dietrich eine systematische institutionelle Diskriminierung durch die Behörden verneint, machte er deutlich, dass rassistisch motivierte Vorfälle in der Bevölkerung ein reales Problem darstellten. Die Volkspolizei dokumentierte entsprechende Übergriffe und rassistische Tendenzen in der Bevölkerung bereits in den 1970er Jahren, mit einem spürbaren Anstieg in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre. Während das MfS diese Fälle zwar genau registrierte, unternahm es operativ jedoch nichts dagegen. Als Hauptgründe für diese Übergriffe nennt die Forschung vor allem Sozialneid und alltägliche Verteilungskämpfe um knappe Konsumgüter. Die in der Forschung teils diskutierte These, dass der Rassismus im heutigen Ostdeutschland direkt auf ein systematisch rassistisches Handeln des DDR-Staatsapparates zurückzuführen sei, lässt sich laut Dietrich aus den Quellen so nicht bestätigen. Vielmehr war die Arbeitsmigration von der Staatsführung politisch explizit gewollt, um die Weltoffenheit des sozialistischen Staates zu propagieren.
Zum Referenten:
PD Dr. Christian Dietrich war seit 2023 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Landesgeschichte in Halle/Saale und bearbeitete dort gemeinsam mit Dr. Yves Müller das Projekt "Institutioneller Rassismus in den Sicherheitsbehörden der DDR am Beispiel der Bezirke Magdeburg und Halle, 1949 bis 1989/90". Seine daraus hervorgegangene Studie "Sicherheitsauftrag: Völkerfreundschaft" untersucht den Umgang der Volkspolizei und Staatssicherheit mit ausländischen Studierenden und Vertragsarbeitern und zeigt, wie staatliche Kontrolle und individuelle Handlungsspielräume im Alltag aufeinandertrafen.

