Maren von Bismarck schenkt dem Landesarchiv ein herausragendes Zeugnis der mittelalterlichen Kirchengeschichte Magdeburgs
Das Herrenhaus Briest, der älteste Stammsitz des Adelsgeschlechts von Bismarck in der Altmark, ist ein architektonisches Kleinod, das in den letzten Jahren aufwändig saniert werden konnte. Seine kulturelle Bedeutung wird durch eine humanistische Hausbibliothek gesteigert, die nach ihrer Restitution seit 2025 in Briest aufgestellt ist.
In einem der ältesten Bände dieser Bibliothek entdeckte im Jahr 2018 das Kunsthistorikerehepaar Dr. Beate Braun-Niehr und Prof. Dr. Klaus Niehr ein eingelegtes Pergamentblatt. Bereits beim ersten Augenschein entpuppte es sich als Teil eines mittelalterlichen Anniversars, also eines Gedenkbuchs, in dem man Wohltäter eines Klosters oder Stifts notierte, um an deren Todestag für deren Seelenheil zu beten und Totenmessen zu zelebrieren.
Doch um das Rätsel um seinen Entstehungsort lösen und seine historische Bedeutung bestimmen zu können, bedurfte es einer intensiven wissenschaftlichen Untersuchung. Dazu musste das Blatt zunächst restauriert und fotografisch dokumentiert werden. „Wir sind dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz und seiner Direktorin, Frau Professor Ulrike Höroldt, sehr dankbar für diese professionelle Unterstützung, die unsere weiteren Forschungen überhaupt erst ermöglicht hat“, so Professor Niehr.
Bald danach zeichneten sich erste Erkenntnisse ab: Das Pergamentblatt war Teil eines zu Beginn des 14. Jahrhunderts angelegten Anniversars des Magdeburger Nikolaistifts. Es entstand in einer für das Stift einschneidenden Zeit, als nämlich sein Standort unmittelbar vor der Westfassade des Magdeburger Doms an einen Platz auf der nördlichen Seite des Domplatzes verlegt werden musste. In dieser für die Stellung und Identität des Stifts überaus kritischen Phase sollte das Memorienbuch offensichtlich dazu dienen, die historische Kontinuität des Stifts zu sichern und auch dessen materielle Förderung durch Stifter und Schenker nicht abreißen zu lassen. Die Existenz des Buchs war bekannt, es galt aber als verloren. Mit dem Fund konnte nun eine Doppelseite des Memorienbuches ermittelt werden Damit wirft die Quelle ein helles Licht in das überlieferungsarme Dunkel einer der ältesten kirchlichen Institutionen Magdeburgs, die 1108 durch den Magdeburger Erzbischof Adelgot gegründet wurde.
Beate Braun-Niehr und Klaus Niehr haben ihre Forschungen mittlerweile abgeschlossen und 2026 im Jahrbuch der Historischen Kommission für Sachsen-Anhalt publiziert. Damit war der Weg frei für die Reise zurück in die Stadt, in der das mittelalterliche Dokument entstanden ist: Denn seine Inhaberin Maren von Bismarck, zugleich Eigentümerin des Herrenhauses Briest, hat sich zu einer Übergabe an das Landesarchiv Sachsen-Anhalt entschlossen: „Mir ist es wichtig, dass dieses bedeutende Zeugnis der mittelalterlichen Geschichte Magdeburgs auf Dauer sicher und fachgerecht verwahrt wird und so auch künftigen Generationen für weitere Forschungen zur Verfügung steht.“
Im Rahmen einer Feierstunde unterzeichneten sie und der Leiter des Landesarchivs, Dr. Ralf Lusiardi, am 16. Juli in Briest den Schenkungsvertrag. Zu diesem Anlass informierten Dr. Beate Braun-Niehr und Prof. Dr. Klaus Niehr die Gäste über den Fund und die Erforschung des Dokuments. Mit dessen Übergabe durch Maren von Bismarck im Landesarchiv fand die Schenkung wenige Tage später ihren Abschluss. Ralf Lusiardi zeigte sich hocherfreut über die großzügige Geste: „Das Nekrologblatt stellt eine bedeutende Bereicherung unserer Überlieferung des Magdeburger Nikolaistifts dar. Ich bin Frau von Bismarck sehr dankbar für diese Schenkung, die die dauerhafte Sicherung und weitere Forschungen zur Geschichte des Nikolaistifts und der mittelalterlichen Geschichte Magdeburgs ermöglicht.“
