Fußball „im Objektiv der Staatsmacht“ – Nachlese zur Veranstaltung am 20. Mai
Woche für Woche zieht die Faszination des Fußballs Millionen von Fans an die Spielstätten ihrer Idole. Dass sie dabei zu DDR-Zeiten ebenso wie die Spieler unfreiwillig in das Objektiv der Sicherheitsbehörden gerieten, belegen unzählige Fotos in den Archiven. Spannende Einblicke in diese Aufnahmen aus den einstigen Bezirksbehörden der Deutschen Volkspolizei sowie des Ministeriums für Staatssicherheit bot nun eine Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung am Standort Magdeburg des Landesarchivs Sachsen-Anhalt.
Die Überwachung und Kontrolle von Fußballfans und -spielern beleuchtete nicht nur ein Vortrag des Sporthistorikers Dr. René Wiese, sondern auch ein Podiumsgespräch unter Moderation des bekannten NDR-Journalisten Andeas Käckell. Um eine Verbindung zwischen Wissenschaft und Zeitzeugenberichten zu ermöglichen, gehörten neben Dr. Wiese der ehemalige Profifußballer Dirk Schlegel sowie der FCM-Fan Jürgen Wissel zu den Gesprächspartnern.
Was Dr. Wiese anhand zahlreicher fotografischer Beispiele vermittelte, waren die Ergebnisse von Forschungsaufenthalten im Bundesarchiv sowie in den Landesarchiven Berlin und Sachsen-Anhalt. Systematisch präsentierte er einordnende Rahmeninformationen zur fotografischen Überwachung durch die Volkspolizei und das MfS. Daran schlossen sich erkenntnisreiche Vertiefungen zu den Themenfeldern „Überwachung der Stadien und Innenstädte“, „Fanclubs und deutsch-deutsche Leidenschaft“, „Gewalt, Hooligans und Rechtsradikalismus“ sowie zur Überwachung geflüchteter Fußballstars an.
Im Rahmen des Podiumsgesprächs erweiterten die Blickwinkel des Spielers Dirk Schlegel und des Fans Jürgen Wissel das Gesamtbild um weitere lebhafte Facetten. So berichtete Schlegel von den unterschiedlichen Erfahrungen von in den Westen geflüchteten Oberligaspielern mit fortgesetzten Überwachungs- und Repressionsmaßnahmen, unter denen Lutz Eigendorf und Jörg Bergner in besonderem Maße zu leiden hatten. Wissel vermittelte seine Eindrücke von der einschüchternden Präsenz von MfS und Polizei in und um die Fußballstadien.
Interessante Ergänzungen resultierten zudem aus Publikumsbeiträgen. So berichtete ein Zeitzeuge etwa von der zufälligen Begegnung seines Halberstädter Abiturjahrgangs mit der Mannschaft und dem damaligen Präsidenten des SV Werder Bremen, Dr. Franz Böhmert, am Moskauer Flughafen. Da dieser als gebürtiger Gröninger dasselbe Gymnasium besucht hätte, habe er die Klasse kurzerhand zum Europapokalspiel des SV Werder bei Spartak Moskau am folgenden Abend eingeladen – was die betreuende Lehrerin, die ein Jahr später die Schule verlassen musste, tolerierte, wie sich der Zeitzeuge erinnerte.

